Der Reimkultur-Blog

In loser Folge nehmen wir hier Stellung zu Themen, die uns beschäftigen.

 
15. November 2017

Geschichten vom Gelingen

Dokumentarfilm: Reise zu Oma Sikota

 

Im Reimkultur-Shop gibt es eine neue DVD, die wir aus gutem Grund in unser Programm aufgenommen haben. Bodo schreibt in seinem heutigen Elektrobrief folgendes dazu:

"Wie ihr wisst, ist der Titel meines aktuellen Programms Was, wenn doch? die Replik auf die Frage: "Was, wenn's nicht klappt?". Dass Dinge scheitern, ist nämlich nur eine von zwei Möglichkeiten. Die Möglichkeit des Gelingens in Betracht zu ziehen, erzeugt nicht nur ein besseres Gefühl sondern ist auch die Voraussetzung dafür, ins Handeln und dadurch ins Verändern zu kommen. Für mich geht es dabei um ganz persönliche und private Dinge, aber auch um gesellschaftliche und das große Ganze.

Die Möglichkeit des Gelingens

Bei allen negativen Nachrichten und Geschichten vom Scheitern, die tagtäglich auf uns einprasseln, ist mir wichtig, auch mal auf Geschichten vom Gelingen aufmerksam zu machen. Die gibt es nämlich auch - nur eben leider viel zu selten in den Medien. Meine Überzeugung ist, dass wir konstruktive und positive Nachrichten und Geschichten brauchen. Und deshalb weise ich heute mit großer Freude auf den Film Reise zu Oma Sikota hin: ein Dokumentarfilm über ein Dorf-Projekt in Sambia, gedreht von Christoph Nick, der die Dokumentarkamera von meinem Konzertfilm Bei dir heute Nacht geführt hat.

Der Weg zum Ort der Hoffnung

Die Filmbeschreibung bringt es auf den Punkt: Obwohl der Film vom bedrückenden Thema der HIV-Epidemie in Sambia handelt, vermittelt er eine universelle Botschaft: Auch in scheinbar ausweglosen Lebenssituationen lassen sich Lösungswege finden. Exemplarisch hierfür steht Oma Sikota, deren persönliche Geschichte der Film erzählt. Oma Sikotas Grundstück verwandelt sich in ein Zuhause für Waisenmädchen und Seniorinnen. Sie nennen es Liyoyelo – Ort der Hoffnung. Die langjährige, zukunftsweisende Erfolgsgeschichte von Liyoyelo wird mit Optimismus beleuchtet. Mit diesem Blick wird ein wichtiger Gegenpol zur üblichen Darstellung Afrikas als Schauplatz von Katastrophen geschaffen.

Und weil ich und mein Team von Reimkultur diesen Film toll finden, wurde er nun in den Reimkultur-Shop aufgenommen." Alle Infos zur DVD im Shop und auf der Homepage des Films.

 
 
16. Oktober 2017

Das Fairphone - ethisch(er) einkaufen?!

Das Fairphone im Konzertfilm

 

Reimkultur hat sich 2015 entschieden, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die das wünschen, ein Fairphone zur Verfügung zu stellen. Zudem hat dieses Smartphone auch in Bodo Wartkes Konzertfilm Bei dir heute Nacht einen kurzen Aufritt in der Szene, in der der Klavierkabarettist das titelgebende Lied des Filmes singt.

Warum das Fairphone?

Das Fairphone-Unternehmen will ein komplett faires Smartphone herstellen. Von diesem Ziel ist das Unternehmen noch entfernt, jedoch wird das Fairphone bereits fairer und nachhaltiger hergestellt, als vergleichbare Produkte. Und das finden wir bei Reimkultur gut und unterstützenswert. Immerhin hat 2016 auch die Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) das Engagement des Fairphone-Unternehmens mit der Verleihung des Deutschen Umweltpreises honoriert (siehe auch heise.de)

Die Organisation Germanwatch e.V. – deren Leitbild zusammengefasst lautet: „Hinsehen. Analysieren. Einmischen. Für globale Gerechtigkeit und den Erhalt der Lebensgrundlagen“ – kommt in ihrer abschließenden Beurteilung zum Fairphone vom November 2015 zu folgendem Urteil:

Germanwatch zum Fairphone

„Fairphone kommt mit den aktuellen Umgestaltungen seinem Ziel etwas näher, eine verantwortungsvolle, transparente Lieferkette aufzubauen. Darüber legt es mit dem neuen Produktdesign einen wichtigen Baustein für eine lange Nutzung des Gerätes. Weitere Bemühungen, um dieses Ziel zu erreichen, gibt es bei der Software. Die Öffentlichkeitsarbeit von Fairphone hebt sich in diesem Zusammenhang weiterhin durch eine gesteigerte Transparenz im Vergleich zu anderen Anbietern ab und wird, wie die neue Kostenaufschlüsselung zeigt, laufend verbessert […] Grundsätzlich ist die Entwicklung des Unternehmens aber durchaus positiv zu bewerten. Gerade die Bemühungen des Unternehmens in verschiedenen Bereichen, angefangen beim Bezug von Rohstoffen aus „konfliktfreien“ Minen, über die strukturelle Veränderungen am Produktionsstandort – wie etwa die Einrichtung eines Fonds, dem reparaturfreundlichen Design bis hin zur weiteren Offenlegung der Lieferkette, zeigen, dass es Fairphone mit seinen gesetzten Zielen ernst meint […]“

Das komplette und ausführliche Hintergrundpapier von Germanwatch zum Fairphone als PDF.

Informier' Dich

Nutzer*innen interessiert neben den ethischen und nachhaltigen Aspekten natürlich auch der Preis, der hoch ist, die Ausstattung und die Handhabung. Hier besteht die Möglichkeit, sich verschiedene Fachurteile und Tests durchzulesen:

Fairphone 2 im Dauer-Test – unsere Erfahrungen nach einem 1 Jahr (utopia.de, 31.8.2017)

Fairphone 2 im Test Dieses Handy können auch Sie reparieren (spiegel.de, 21.1.2016)

Fairphone: Gut genug und besser als andere Smartphones (aeromobile.de)

Fairphone im Test - Glückliches Smartphone aus fairem Anbau (golem.de, 8.1.2014)

Fairphone im Kurztest (Heise.de / c’t, 2.1.2014)

Auf Heise.de gibt es eine Vielzahl von interessanten Artikeln zum Fairphone, einfach mit der Suche „Fairphone“ anzeigen lassen. Grundsätzliche Infos finden sich auf der Wikipedia-Seite zum Fairphone und natürlich auf der Unternehmenswebsite.

Kosument*innen-Ich und politisches WIR

Zum Schluss möchte ich noch die Umweltaktivistin Annie Leonard zitieren. Sie schrieb in ihrem Buch The Story of Stuff – Wie wir unsere Erde zumüllen, das ich sehr empfehlen kann, und das Ihr Euch bei Interesse bitte nicht bei Amazon sondern im örtlichen Buchhandel bestellt, im Anhang folgendes:

„Wir können in unserem Alltag einiges tun, um den Schaden […] zu verringern und dadurch einen weniger tiefen ökologischen Fußabdruck hinterlassen. Wir sollten uns aber nicht der Illusion hingeben, damit genug getan zu haben. Und wir dürfen nicht zulassen, dass die grüne Ausschmückung unseres Lebensstils uns vollkommen in Anspruch nimmt. Mit anderen Worten: Diese Verhaltensweisen dürfen uns nicht daran hindern, uns auch auf politischer Ebene für umfassende Veränderungen einzusetzen.“

Ich halte dies für einen sehr wichtigen Hinweis! Zu glauben, dass wir mit tagtäglichen Kaufentscheidungen für oder gegen ein Produkt schon die Welt „gerettet“ haben, ist ein Irrglaube. Dass uns über viele Medien immer wieder unser Konsument-Ich gestärkt wird, schön. Wichtiger wäre, dass wir alle uns informieren und zusammenschließen, um unser politisches WIR zu stärken und um Veränderungen zu bewirken.

Einfach mal loslegen!

Das Fairphone bietet eine ganze Menge Ansätze, sich über die politischen Aspekte unseres Konsumverhaltens und unseres Wirtschaftssystems Gedanken zu machen. Warum nicht die Initiative ergreifen oder in einer Initiative mitmachen? Vielleicht als Einstieg das Video The Story of Stuff mit Annie Leonard anschauen! Besten Erkenntnisgewinn wünscht Til

Die Website zum Buch The Story of Stuff, mit Leseprobe & Infos zur Autorin. Das Buch scheint zur Zeit bei Ullstein vergriffen, ein schöner Anlass mal wieder in einem Antiquariat zu stöbern, z.B. bei Booklooker.

 
 
12. September 2017

Wie soll das Land aussehen, in dem wir leben wollen? Bodo hat einen Vorschlag!

"Alle Einnahmen aus dem Verkauf dieses Liedes spende ich der Organisation Amnesty International, weil sie für das eintritt, was ich mir wünsche: die weltweite Wahrung der Menschenrechte".
Bodo Wartke

 
  Das Land, in dem ich leben will
Videos


 
20. Juni 2017

Gebt ihnen zurück, was ihnen gehört!

www.unhcr.org/dach/de/

 

Ein Plädoyer von Sven Schütze (geschrieben im Oktober 2015, veröffentlicht Juni 2017)

Dieser Tage wird oft und viel danach gefragt, wieviel eigentlich für die Flüchtlinge getan werden sollte. Und wer sich überhaupt Flüchtling nennen dürfe und dann dadurch Anspruch auf Hilfe habe.

Die Antwort ist eigentlich recht einfach: Anspruch darauf hat jeder Mensch, der weniger hat als wir und der aus einem Land kommt, mit dem wir – also die EU, die "erste Welt", die "entwickelten Länder" oder die "Industriestaaten" – Handel treiben. Und zwar hat er Anspruch auf ungefähr die Hälfte dessen, was wir besitzen. Dabei spielt es keine Rolle, ob er in seinem Land politisch verfolgt wird oder er einfach "nur" keine Chance hat, Geld zu verdienen, weil nicht mehr genug davon im Land ist. Die Ursache ist dieselbe. 

Wie komme ich dazu, das zu behaupten?

Der Blick in die Geschichte

Gehen wir zurück in die beginnende Neuzeit, die Zeit der Entdeckungsfahrten. Man fuhr nach Afrika, China, Indonesien, den Orient, später nach Mittel- und Südamerika und schließlich nach Nordamerika. Dort landete man und nahm sich, was man kriegen konnte, also vor allem Bodenschätze und schließlich auch Menschen als Sklaven. Das alles brachte man nach Europa und baute dort den eigenen Wohlstand auf und aus. Zurück ließ man gebrandschatzte Dörfer, geplagte Völker, erschütterte Zivilgesellschaften. Wer nicht weit genug entwickelt war, um tatsächlich auf Augenhöhe Handel treiben zu können – wie etwa Japan und China – wurde gnadenlos ausgebeutet, nicht selten unter Vorschub religiöser Motive, im Grunde aber stets aus Gier und Angst.

Der Aufstieg der westlichen Welt

Mithilfe dieser Schätze wurde Europa reich und sicher. Der allgemeine Lebensstandard stieg und konnte entwickelt werden. Geistiges Potential, das in den Menschen hier – wie überall – schlummerte, konnte geschöpft werden, da die Menschen sich nicht mehr den ganzen Tag lang damit abplagen mussten, Essen zu besorgen und ihre Behausungen zu reparieren. Erfindungen wurden gemacht, die die Entwicklung und schließlich die industrielle Revolution ermöglichten und vorantrieben. Parallel wurden geistige Erkenntnisse gewonnen und kulturelle Schöpfungen erreicht, die den Wandel hin zu demokratischen Systemen ermöglichten. Der Abstand zu den Ländern außerhalb Europas wurde immer größer: man holte sich die Reichtümer von dort, die der Antrieb für die eigene Entwicklung waren. Und gab nichts zurück. Man nennt das Ausbeutung.

Der Blick auf die Weltkugel

Betrachtet man die Weltkugel, dann sind die meisten Länder, in denen ein ähnlicher Wohlstand herrscht wie in Zentraleuropa, nahezu ausschließlich die, deren Geschichte von Besiedelung durch Europäer*innen geprägt ist: die USA natürlich, Australien, Südafrika (nur die weiße Bevölkerungsschicht betrachtet). Daneben noch einige der islamisch geprägten Länder und China sowie Japan, an denen sich die Europäer*innen auf ihren Eroberungsfeldzügen die Zähne ausgebissen haben, weil sie als Gesellschaften selbst schon sehr weit, meist sogar weiter entwickelt waren.

Selbstverständlich muss das alles differenziert betrachtet werden, die Übergänge sind fließend. Manches einst reiche Land hat seinen Wohlstand aufgrund politischer Umwälzungen eingebüßt (z.B. Einflüsse durch kommunistische Regime oder Diktaturen, China hatte seine Kulturrevolution, Kambodscha die Roten Khmer). Zu beobachten ist in jedem Fall, dass Länder, die einmal in der Abhängigkeit waren, noch immer in dieser Schieflage sind – und nicht selten in der Schieflage gehalten werden. Warum hat die internationale Staatengemeinschaft, die ja von den Industrienationen dominiert wird, kein Interesse daran, Korruption und gewalttätiges Vorgehen gegen Zivilist*innen durch ihre eigenen Regierungen zu stoppen? Eine Antwort von vielen ist: es ist leichter, instabile Systeme auszubeuten und einzelne Menschen, die Machtpositionen innehaben, zu korrumpieren als intakte Staaten mit gebildeten Bürger*innen, die ihre Rechte kennen und wahren können.

Der hiesige Wohlstand

Und noch einmal: auf dieser Entwicklung beruht unser Wohlstand. Es gibt hier in Deutschland so viel von allem, weil unsere Vorväter –  und ja, es waren maßgeblich Männer! – es den anderen weggenommen haben, unrechtmäßig entwendet, gestohlen, erbeutet, abgepresst. Und nicht selten haben sie dafür gemordet, ganze Völker sogar (nehmen wir die Ureinwohner*innen Nordamerikas, die für Landstriche ermordet wurden, auf die sie qua ihrer Religion nicht einmal selbst Anspruch erhoben  –  für sie gehört die Erde allen Menschen gleichermaßen und Koexistenz ist das zentrale Motiv).

Ein Beispiel: Noch immer verbleiben nur 3% des Wertes, der in Form von Gold aus der afrikanischen Erde geholt wird, in Afrika. Die Konzessionen, die Verschiffungswege und die Veredelungsprozesse sind so organisiert, dass der meiste Wert von Menschen außerhalb Afrikas abgeschöpft werden kann. Gerade verkaufte Südafrika Lizenzen für hunderte von Wasserquellen für relativ wenig Geld an Nestlé, einen Schweizer Konzern mit Aktionären*innen in allen wohlhabenden Ländern der Erde, der es zukünftig hochprofitbal verkaufen wird – und davon nichts an Südafrika zurückgibt. Warum kann er das? Weil das Land so arm ist, dass es für die Zinsbewältigung seiner Schulden alleine so viel Geld auftreiben muss, dass es sich auf solche kurzlebigen Deals einlassen muss. Warum hat es überhaupt Schulden? Weil ihm alles weggenommen wurde, womit es bezahlen könnte! Von wem? Von den Vorfahren der heute wohlhabenden Menschen dieser Erde.

Der Leidensdruck der ausgebeuteten Menschen

Und inzwischen ist der Leidensdruck der ausgebeuteten Menschen so hoch, dass sie sich auf den Weg machen in der Hoffnung auf ein besseres Leben, auch wenn die Aussicht, dabei zu sterben – und seine Familie mit in den Tod zu nehmen – enorm hoch ist.

Einmal bitte kurz innehalten und sich das vorstellen: Du nimmst dein Kind an die Hand und weißt, dass es sterben kann auf diesem Weg, dass die Chance sogar nicht mal klein ist. Wie hilflos jemand sein muss, um das zu tun!

Der geerbte Wohlstand

Gleichzeitig haben wir hier Angst, den Wohlstand zu verlieren, den wiederum hauptsächlich nicht wir selbst, sondern unsere Ur- und Großeltern und Eltern uns aufgebaut haben. Wir fragen uns, was wir hergeben müssen. Ist es denn unser Problem, dass die Menschen in diesem Land vor uns so "fleißig" waren und Reichtümer angehäuft haben? Warum sollen wir jetzt mit Verzicht bestraft werden?

Dass eine Arbeiter*innenbewegung überhaupt Standards durchsetzen konnte, die noch heute gelten, und die es auch Menschen in einfachen Berufen ermöglicht, ein Dach über dem Kopf zu haben und regelmäßig Essen auf dem Tisch, anstatt sich als Tagelöhner*in durchzuschlagen, auch das hat damit zu tun, dass es in diesem Land seit dem 15. Jahrhundert stetig bergauf ging (mit Ausnahme der beiden selbst verursachten Weltkriege).

Der tatsächliche Stand der Dinge

Doch halt! Liegt da nicht ein entscheidender Faktor? Kann denn der Mensch mit einfachem Beruf heute noch beruhigt nach Hause gehen und sich sicher sein, das morgen auch wieder Brot für sich und seine Kinder auf dem Tisch steht? Nein, kann er nicht. Denn es setzt sich hierzulande – in allen "Industrienationen" – dasselbe fort, was vor 500 Jahren begann. Die Mächtigen, Einflussreichen und Wohlhabenden, haben noch nicht genug Macht, Einfluss und Wohlstand, denn auch sie haben dieselbe Angst wie alle anderen: alles zu verlieren. Sie brauchen mehr, um das, was sie haben, abzusichern und sich ein sicheres Gefühl geben zu können. Wer erstmal eine Milliarde Euro besitzt, braucht eine zweite, um sich sicher zu sein, dass egal was am Aktienmarkt passiert noch eine Milliarde übrig bleibt. Und wenn er zwei hat, hat er das Problem nicht gelöst, denn jetzt könnte er ja zwei verlieren. Also braucht er nochmal zwei auf der hohen Kante. Außerdem hat sein Kumpel-Scheich oder Bruderschafts-Kollege aus Harvard oder einfach der andere Manager neben ihm schon 3 Milliarden. Wie steht er dann da? Kann er's nicht so gut?

Also werden nun die Schrauben noch enger gedreht. Wir haben schon längst akzeptiert, dass beide Elternteile arbeiten gehen müssen, um die Familie zu ernähren. Zeit für Kinder bleibt nicht mehr, die müssen alleine zurechtkommen. Warum nehmen wir das hin? Denn gleichzeitig wird weiterhin Kindergärtner*innen und Erzieher*innen zu wenig Geld bezahlt, als dass die ihre Arbeit mit Freude und Leichtigkeit ausüben könnten. Sie zählen nicht selten zu den "working poor", arbeitenden Armen, bei denen ein normales Arbeitsverhältnis oft nicht mehr ausreicht, eine Familie zu ernähren. 

Nochmal bitte kurz innehalten und sich das vorstellen: Du gehst den ganzen Tag arbeiten, siehst deine Kinder nur am Wochenende und am Ende des Tages reicht es nicht mal, ihnen und dir regelmäßig Kleider zu kaufen oder ihnen ein Studium zu finanzieren?

Und dabei stehen uns diese Kleider sowieso schon nur deshalb in solchen Mengen und zu so unangemessen günstigen Konditionen zur Verfügung, weil den Menschen, die sie herstellen – Bäuer*innen & Bauern, Pflücker*innen, Reiniger*innen, Transporteur*innen, Näher*innen – nicht genug Geld bezahlt wird, damit sie ihre Familien ernähren könnten. Wie schrecklich ist das!

Der Weg des Geldes

Angeblich kann den deutschen Bürger*innen – und schon gar nicht den geflüchteten Menschen – nicht mehr genügend Geld zur Verfügung gestellt werden. Die Hilfen müssen gekürzt und gesenkt werden. Aber Moment mal? Konzerne wie Amazon versteuern ihre Einnahmen, die sie hierzulande mit Verkäufen an diese Menschen verdienen, nicht in diesem Land? Kann es sein, dass u.a. deswegen das Geld nicht reicht, Feuerwehrleute anständig auszurüsten, genügend Polizist*innen einzustellen und Krankenhäuser als Landesbetriebe zu erhalten anstatt zu privatisieren? Das klingt polemisch, ist aber ein Fakt.

In solch einer Situation also kommen Menschen zu uns, die noch weniger haben.

Sie haben all das nicht, was wir haben, weil es ihnen von Bewohner*innen unserer Gefilde seit Jahrhunderten immer wieder und kontinuierlich weggenommen wird. Die Mehrheit hier im Land hat aber auch nicht genug, um davon viel abgeben zu können. Und auch das ist ja ein Fakt: es wird auch viel abgegeben, geholfen, gespendet.

Stattdessen wird diskutiert, ob die geflüchteten Menschen ein Recht haben, hier zu sein und Geld zu bekommen. Vermutlich nicht aus Geiz, sondern aus Angst gibt es diese Diskussion. Denn diejenigen, die diese Diskussionen oder gar Pöbeleien in den sozialen Netzwerken und auf der Straße oder vor den Flüchtlingsheimen anheizen sind keine Machthaber*innen, es sind Bürger*innen, die um das wenige fürchten, was sie gefühlt und im Verhältnis zu den anderen im Land noch haben.

Die politische Führung wiederum scheut sich wie in den meisten anderen Situationen und Herausforderungen zuvor auch, die wirklich Mächtigen, die finanziellen und wirtschaftlichen Anführer*innen, zu konfrontieren und endlich das in Schieflage geratene System wieder aufzurichten. Denn nichts weniger müssten sie tun, um das, was vorhanden ist, und was allemal genug für alle ist, auch gerecht zu verteilen.

Denn auch das ist ja eine Wirklichkeit: die erbeuteten Reichtümer und die Entwicklung, die dadurch möglich war, hat auch Gutes bewirkt: es wurden Hygienestandards erreicht, Krankheiten ausgerottet, Medikamente entwickelt, Techniken für den Hausbau, die saubere Energiegewinnung, die Trinkwasserreinigung und -versorgung wurden erfunden, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, die Gleichberechtigung von Frau und Mann wurden vorangetrieben.

Die Investition der Anderen

Wenn wir das jetzt zurückgeben, dann können wir etwas wieder gut machen von dem, was vor Jahrhunderten mit der Entdeckung der Welt außerhalb Europas begann. Es ist Zeit dafür. Stellt euch die Flüchtlinge als Aktionär*innen vor: ihre Urahn*innen haben in Europa investiert, indem sie (zwar unfreiwillig) ihr ganzen Hab und Gut auf diese erfinderischen, risikofreudigen, intelligenten Menschen setzten. Die Inka und Maya ihr Gold, die indigenen Bevölkerungen Nordamerikas ihre Büffel und ihren Lebensraum, die Menschen Afrikas ihre Diamanten, ihr Gold und ihr Öl. Das Unternehmen Europa hat sich prächtig entwickelt, aber eine Dividende wurde nie ausgeschüttet.

Gebt ihnen zurück, was ihnen gehört!

Homepage des Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen
das Flüchtlingshilfswerk zum Weltflüchtlingstag
Informations-Portal zur politischen Bildung
(Angebot der Landeszentralen für politische Bildung)

 
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